Der Pflege eine Stimme geben –

Zusammen_halt

Ein Interview von Katrin Blanck-Köster mit
Martina Hasse
Fachkrankenschwester
Immanuel Albertinen Krankenhaus Hamburg im Januar 2021

 

Quelle: Immanuel Albertinen Diakonie
Quelle: Immanuel Albertinen Diakonie

Mein Name ist Martina Hasse, ich bin 47 Jahre alt, Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie. Nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester 1998 habe ich meine Erfahrungen im Bereich der gastroenterologischen, pneumologischen und kardiologischen Pflege gesammelt. Ich arbeite seit 2012 auf der interdisziplinären Intensivstation im Immanuel Albertinen Krankenhaus in Hamburg.
Ich habe von 2002-2008 auch als Stationsleitung gearbeitet und die Weiterbildung im Pflegemanagement absolviert. Gereizt hat mich aber immer die klinische Pflege „am Bett“. Ich erinnere mich heute noch an einen jungen Mann, den ich 1997 während meiner Ausbildung kennengelernt habe. Er hatte ein paar Wochen zuvor einen schweren Motorradunfall und eine Subarachnoidal Blutung (SAB) erlitten. Als er zu uns auf die neurologische Station kam konnte er auf Grund einer Tracheotomie nicht mit uns sprechen, wir haben ihm einen Klemmblock und einen Stift in die Hand gedrückt, damit er sich mit uns verständigen konnte. Er hat daraus Papierflieger gebastelt und durch das Zimmer fliegen lassen. Als ich ihn zwei Monate später während meines Einsatzes in der HNO wiedergetroffen habe, war er komplett stabil, mobil und orientiert. Ich glaube, da wusste ich, dass ich später mal in der Intensivpflege arbeiten will. Das Arbeiten in einem multiprofessionellen Team, das hochkompetent komplexe Patientenfälle versorgt und sich dabei 100% vertrauen muss, ist für mich besonders wichtig. Deswegen habe ich 2016 noch eine Weiterbildung in der Intensivpflege & Anästhesie in Hamburg abgeschlossen. Das Lernen ist mir immer leichtgefallen. Heute in Zeiten der CORONA-Pandemie kann ich diese damals erlernten Kompetenzen gut einsetzen, insbesondere meine praktischen Erfahrungen, die ich während meiner externen Einsätze machen konnte. Ich musste flexibel sein, mich auf fremde Teams, andere Beatmungsgeräte, Medizinprodukte und neue Kommunikationsstrategien einlassen. Das war manchmal hart, aber ich habe so viel dabei gelernt. Ich bin heute noch dankbar dafür, dass ich während meiner Fachweiterbildung so viel rotieren und andere Strukturen kennenlernen durfte.

Quelle: Immanuel Albertinen Diakonie
Quelle: Immanuel Albertinen Diakonie

Bei dieser, für uns allen fremden SARS CoV-2 Infektion, profitieren wir von gegenseitigen Erfahrungen und können im Tandem mit weniger erfahrenden Kolleg*innen unser praktisches und theoretisches Know-how an Jüngere  weitergeben, besonders bei den wiederholten Bauchlagerungen, Betreuungen der Beatmungen und Hämodialysen. Aber auch, wenn ich über eine hohe Erfahrung in der internistischen Pflege verfüge, belastet mich das teilweise sehr junge Alter unserer Patienten, die ohne bekannte Vorerkrankungen einen extrem schweren Krankheitsverlauf haben. Dazu kommt das stundenlange Arbeiten in voller Schutzausrüstung und die hohe psychische und physische Belastung. In der 1. Welle hatten wir Angst vor Ansteckung und dass die Schutzausrüstung nicht ausreicht- aber wir waren alle im Team voller Zuversicht, dass wir es gemeinsam schaffen. Jetzt in der 2. Welle, die noch heftiger als die 1. Welle von uns erlebt wird, fehlt uns die Perspektive, dass die Pandemie bald unter Kontrolle gebracht werden kann, und wir sind körperlich erschöpft. Unsere Klinikleitung unterstützt uns durch eine sehr gute Informationspolitik und personelle Aufstockung der einzelnen Schichten, aber wir fragen uns, wann gibt es wieder einen Alltag für uns? Wie finden wir zu dem Leben zurück, das wir mal hatten? Was macht die Pandemie mit unserer Gesellschaft? Ich habe mich übrigens in der Klinik als eine der Ersten impfen lassen, neben dem persönlichen Schutz wollte ich da als gutes Vorbild vorangehen.

Aber bei allen Gedanken bin ich stolz auf unser Team, wir sind sehr diszipliniert, niemand hat sich bisher während der Arbeit mit dem Virus infiziert, niemand denkt ans Aufhören. Aber dennoch:
Die Corona-Prämie hätte ich mir für ALLE Pflegenden gewünscht. Auch, wenn Geld nicht alles ist. Die Bedingungen in der Pflege müssen stimmen, ein guter Anfang sind die (momentan ausgesetzten) personellen Untergrenzen. Deswegen engagiere ich mich auch in verschiedenen Berufsverbänden und Fachgesellschaften, wie der DGF, DIVI und der DGIIN.
In meiner Freizeit spaziere ich am liebsten an der Elbe, sammle Treibholz und bearbeite es anschließend. Ich freue mich in Zukunft auf Konzertbesuche mit meinen Freunden.

 

 

Das Interview führte Katrin Blanck-Köster, DGF
Hamburg im Januar 2021